Helmknopf 1907


Schriften und Gegenstände aus dem Helmknopf
Anlässlich der Renovation des Kirchturms konnte eingesehen werden, was wir im Helmknopf von unsern Vorfahren überliefert erhalten haben.

Einige Aufzeichnungen über die Gemeinde Zizers, insonderheit evang. Teils von Dr. Rudolf von Jecklin (15. November 1907)
(Wortlaut unverändert)

Infolge dringend notwendig gewordener Reparatur des Kirchturmes, insonderheit dessen Daches wurde auch der auf demselben befindliche Knopf herabgenommen. - Er war stark von Rost beschädigt u. von Kugeln durchschossen. Im Innern fand sich eine, ebenfalls stark angerostete Blechbüchse von länglicher Form, 23 ctm lang u. 2 ctm weit mit einer von Pfarrer Monsch im Jahre 1839 verfassten Schrift, schön geschrieben, aber in Folge Eindringens von Rost schon schwer leserlich. Hr. Archivar Jecklin in Chur, mein Bruder, gab sich die verdankenswerte Mühe, diese Schrift zu copieren u. durch den Druck vervielfältigen zu lassen, welche Copien unter den evang. Gemeindegenossen verteilt u. mit grossem Interesse gelesen wurden.


Gesetzestexte Zeitungen von 1907
Um nun unserem nachfolgenden Geschlechte auch wieder etwelche Kunde von unserm Leben u. Wirken zu hinterlassen, wollen wir, „gutem, altem Gebrauchs gemäss“ in die neue Kugel etwelchen Inhalt legen, nämlich: je 1 Exemplar der

gedruckten Verfassung der politisch. Gemeinde Zizers
gedruckten Verfassung der evangel. Gemeinde Zizers
Bündner Staatskalender
Statuten der Kreissekundarschule V Dörfer zu Zizers
Copie der im Turmknopf gefundenen Schrift von Pfr. Monsch
Zeitungen vom 5. October 1907, Abstimmungsresultate enthaltend
Etliche Briefmarken
Etliche Münzen à 1, 2, 5, 10, 20, 50 Rp.

Die Gemeinde Zizers hat nach der Volkszählung von 1900: 493 Protestanten u. 619 Katholiken, zusammen 1112 Einwohner.

Im Jahre 1892 wurde die neue pneumatische Orgel durch ein erhebendes Festchen eingeweiht. - Anno 1903 wurde zu Ehren des in diesem Jahre in Zizers stattfindenden Sängerfestes das Innere der Kirche schön herausgeputzt, anno 1905 der Friedhof durch Gärtner Liesch in würdiger Weise in Stand gesetzt, so dass er wohl zu den schönsten in der Gegend gehört. Anno 1907 wurde anfangs das Kirchendach u. im Spätherbst eben das Kirchturmdach repariert. - Trotz der grossen Kosten erklärte sich die Gemeinde in schöner Opferwilligkeit einmütig zu dieser Ausgabe bereit, die weil die Bedachung in Kupfer zu erfolgen hatte, eine sehr hohe, wohl gegen 8000 Fr. betragende war. Die Arbeit wurde erst im October begonnen u. soll am 16. Novemb. im wesentlichen beendigt sein. Die Gerüstung u. innere Verschaalung führte in solcher Weise Meister Hans Matis von Igis, die eigentliche Eindeckung Dachdeckermeister Waller in Chur, sein Beauftragter Hoffmann von dort aus. Wir hoffen zuversichtlich damit zum Wohle unserer Nachkommen ein dauerhaftes Werk gestiftet zu haben. Fiat!

Und nun noch einige Notizen über unsere Gemeinde: Es darf gesagt werden, dass im Ganzen das Verhältnis zwischen den beiden Confessionen ein friedliches ist. Stirbt z.B. ein Erwachsener, so tragen ihn regelmässig 2 Katholiken u. 2 Protestanten zu Grabe. Beim Leichenansagen von Kindern gehen je 1 Protestant und 1 Katholik in die Häuser herum. Die Gemeindepräsidenten (Ammänner) wechseln zwischen den beiden Confessionen, im Gemeinderat sitzen 3 Katholiken u. 2 Protestanten. Es ist zu hoffen, dass die noch lebende Generation die Verschmelzung der dermalen confessionell noch getrennten 4 Dorfschulen erlebe, was ja nur im Interesse der Schulen läge.

Ein grosses Verdienst um die Verträglichkeit unter den beiden Confessionen erwirbt sich sicherlich unser greiser, allverehrter Seelsorger, Hr. Pfarrer Martin Klotz, seit 1848 im Amte, seit 1883 in hiesiger Gemeinde segensreich wirkend, trotz seiner Jahre noch frisch an Geist u. begeistert für alles Schöne u. Erhabene, dem wahren Fortschritt huldigend u. dem Idealen. Es war erhebend, den 88 jährigen Greisen an der imposanten Volksversammlung in Landquart vom 27. October mit kraftvoller Stimme zu hören, wie er die Jungen für die Annahme der Militärorganisation zu begeistern suchte. Wir mussten uns sagen, das könne kein verwerflichs Werk sein, das solche Männer empfehlen.

Ein schönes Beispiel von Verträglichkeit unter den Confessionen sehen wir auch bei unserer Sekundarschule, die, gegründet anno 1867, derzeit in schöner Blüte steht u. dies Jahr von 40 Schülern besucht wird. Lehrer an derselben waren bisher: Schmidt, Casp. Heinrich, Alex Pfister u. nunmehr J. G. Montalta.

Die evang. Schulen zählen zur Zeit nur 50 Schüler, die kathol. dagegen 100.

Seit der grossen Ueberschwemmung vom Jahre 1868 ist unsere Gemeinde von keinem grossen Unglücke mehr betroffen worden, bis in der Nacht vom 25. Februar 1894 ein grosser Brand in der Obergasse, nahe der Kirche ausbrach, dem 4 Häuser u. Ställe zum Opfer fielen.- Und nun häufte sich ein Brandunglück auf das andere. Das schrecklichste brach Samstags, d. 9. Januar 1897, mittags 11 Uhr aus u. vernichtete die halbe Vorburg, über 70 Firste. War das Unglück auch gross so zeigte sich auch die Bruderliebe gross. Hülfe kam von allen Seiten, allein an Bargeld gingen über 50000 Fr. ein und bald erstund der früher unschöne Dorfteil neu aus Schutt u. Asche. Es folgten dann noch zwei grössere Brände, in der Gerbe u. wieder in der (nördlichen) Vorburg u. zwei kleinere je ein einzelnes Haus betreffend (Meyer u. Ww. Lehmann).

Unsere Gemeinde entwickelt sich, wenn auch etwas langsam so doch stetig und hoffen wir gegenwärtig, dass in einigen Jahren auch das elektrische Licht in unsere Häuser und Strassen einziehen werde, wennschon gegenwärtig eine Erhöhung im Preise aller Lebensmittel u. vieler Handelsobjekte, sowie der Hausmieten eingetreten ist. Wir wollen hoffen es sei diese Teuerung nur eine vorübergehende Erscheinung. Das gegenwärtige Jahr hat dem Landmanne arge Enttäuschungen u. schweren Kummer gebracht. In Folge des langen Winters (vom 1. Dezbr. - 24. Febr. war ununterbrochen Schlittbahn mit ungeheuren Schneemassen), etlicher Fröste, des Mehltaues u. aus andern mir unbekannten Gründen gab es eine totale Missernte des Obstes, sowie des Weines; auch die so nötigen Kartoffeln waren nicht besonders geraten.

Aber wir wollen nicht verzweifeln, sondern mutig unsere Aufgabe weiter zu erfüllen suchen, soweit es in unsern Kräften liegt u. uns mit samt unserer Gemeinde in den Schutz des Allmächtigen befehlen, jetzt u. allezeit!

Der Präsident des evang. Kirchen- u. des Schulrates: Dr. Rud. Jecklin
Zizers, d. 15.11.1907“


Notabene: Weitere Mitglieder des Kirchenrates sind dato: Lehrer Buchli, Geschworn. Urban Hartmann, Jakob Battaglia u. Christ. Klaas.