Gedanken zur Jahreslosung 2012
Die Stärke des Schwachen
Liebe Leserinnen und Leser,
vielleicht haben Sie den bestechenden Roman von Pascal Mercier ‚Nachtzug nach Lissabon’ gelesen. Darin äussert sich der portugiesische Arzt Amadeu Prado so: „Ich liebe betende Menschen. Ich brauche ihren Anblick. Ich brauche ihn gegen das tückische Gift der Oberflächlichen und Gedankenlosen. Ich will die mächtigen Worte der Bibel lesen. Ich brauche die unwirkliche Kraft ihrer Poesie. Ich brauche sie gegen die Verwahrlosung der Sprache und die Diktatur der Parolen ... Ich verehre Gottes Wort, denn ich liebe seine poetische Kraft.“
Das scheint mir zur Jahreslosung 2012 zu passen. Sie stammt aus dem 2. Kor 12,9:
„Jesus Christus spricht: ‚Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.’“
Die poetische Kraft dieses Wortes liegt im Paradoxen, im Ungewöhnlichen und Ungewohnten. Gewöhnlich sind in unserer Welt die Starken auch zugleich die Mächtigen. Gewöhnlich haben auch die Starken das Sagen. Gewöhnlich bestimmen sie als Lobbyisten den Weg, ob er allgemein gut ist oder zu wenig nachhaltig für unsere Gesellschaft, spielt oft keine Rolle. Die Jahreslosung hingegen tönt anders. Die Kraft Christi bemächtigt sich der Schwachen gerade so, dass sie darin wirkt, ob es den Starken passt oder nicht. Meistens passt es nicht. Wenn wir diese Verlagerung der Macht ernst nehmen, dann fangen wir an, von den Schwachen zu den Starken zu denken. Dieser andere Ansatzpunkt veränderte unsere Gesellschaft, veränderte unser Tun und Lassen. So lade ich Sie und Euch herzlich ein, sich von der poetischen Kraft der Jahreslosung gegen alles Oberflächliche und Gedankenlose anstecken zu lassen. Anstatt vergiftet zu werden, werde ich zu einem anderen Ansatzpunkt meiner Lebensweise ermuntert.
Ich wünsche Ihnen und Euch in der Kraft Gottes ein gesegnetes Neues Jahr!
Heinz-Ulrich Richwinn, Pfr.